Krabben, Kutter und dicke Kluntjes

Winter an der Nordseeküste

In den Herbst- und Wintermonaten dreht der Wind an der Nordseeküste so richtig auf. Was jetzt nicht niet- und nagelfest ist, hat keine Chance. Auf den Dünen zittern die dürren Halme des Strandhafers um die Wette und die schlauen Möwen haben schon längst das Fliegen eingestellt, wenn die Nordseewellen rollen und mit weißen Schaumkronen haushoch an den Strand donnern.
Soviel Naturgewalt ist nicht jedermanns Sache. Dennoch gibt es auch für den Winter Nordseefans und die Zahl derer steigt, die es in der kalten Jahreszeit zum Beispiel an die Ostfriesischen Inseln zieht. Dann heißt es, Windjacke und feste Schuhe einpacken und raus geht’s an den Nordseestrand.

Denn im Herbst und Winter, wenn die Schwimmer, Surfer, Segler und Sandburgenbauer schon längst abgereist und die Strandkörbe wieder verstaut sind, dann ist es ein ganz besonderer Genuss, am Strand entlang zu laufen. Das gesunde Reizklima mit seiner kristallklaren Seeluft pustet den Kopf frei, stärkt die Immunabwehr und sorgt für eine stabile Gesundheit. Wer nicht in Niedersachsen oder direkt an der Küste zu Hause ist, braucht ein bisschen Geduld, um sich im hohen Norden mit Anlegern und Fähren zurechtzufinden. Denn die Ostfriesischen Inseln liegen wie kleine Satelliten vor dem Festland und nicht jedes Eiland ist mit dem Pkw erreichbar. Doch auf die große Insel Norderney kann man mit dem Auto, der Fähre oder dem Zug anreisen. Für ganz eilige starten auch Sportflugzeuge und bringen die Passagiere auf die Insel.
Im 19. Jahrhundert war diese Reiseroute um einiges komplizierter. Damals kamen die Gäste noch mit dem Rheindampfer über Amsterdam und Emden nach Norderney, um das erste Königliche Preußische Nordseebad (1797) zwischen Ems und Wesermündung zu besuchen. Noch heute erinnert die Bäderarchitektur der Gründerzeit mit den Pavillons und weißen Fassaden daran. Die Seepromenade von Norderney kann sich mit 14 km Sandstrand sehen lassen. Den ganzen Tag ist hier Betrieb und das Wetter, mal dunkle Wolken, dann wieder hell und sonnig, führt Regie. Mit Kind und Kegel und – nicht zu vergessen mit Hund - promenieren die Inselgäste hier entlang. Doch beim Café Marienhöhe kommt man nicht so leicht vorbei. Gerade im Winter lockt der romantisch dekorierte Rundbau. Schon Kaiser Wilhelm II., Gustav Stresemann und Heinrich Heine kehrten hier ein, hielten ein Schwätzchen oder genossen den Sonnenuntergang am Meer. Nachdem die Holzarchitektur morsch wurde, übernahm 1920 die Konditoren Familie Ernst Radtke die prominente Marienhöhe und richtete ein Café ein. Seit drei Generationen sind der Apfelstrudel mit heißer Vanillesoße und selbstgemachten Kuchen inselweit bekannt.

Beim Bummeln durch die kleine Inselstadt am Meer, die den Charme einer Puppenstube besitzt, ist das flache, langgestreckte Kurhaus nicht zu übersehen. Ausgestattet mit gemütlichen Aufenthaltsräumen und diversen Infoschaltern, kann man hier auch die begehrten Karten für Theater, Konzert, Tanz und Kabarett kaufen. In der ruhigeren Wintersaison wird Unterhaltung groß geschrieben. Und wenn es in Richtung Weihnachten geht, dann stehen schon die Buden draußen auf dem Kurhausplatz und es duftet nach Bratapfel und Glühwein. „Neben Krabbenbrötchen und Räucherlachs gibt’s bei uns auch Likör und Produkte aus der Region“, preist Rike, die junge Verkäuferin ihre Ware an. Der große Renner jedoch heißt Sanddorn. Die leuchtenden, orangen Beeren an den grünen Sträuchern, wachsen hervorragend in ganz Niedersachsen und gelten als das Genuss- und Gesundheitsmittel schlechthin. „Die ätherischen Öle der Samen enthalten Vitamin C und lindern Hautirritationen und sogar Strahlenschäden“, erklärt Nina, eine Drogerieverkäuferin. Als Tee, Marmelade, Brausegetränk oder Torte kann man ihn als Nahrungsmittel kaufen.
Wer auf Norderney nicht walked oder locker den Strand entlangjoggt, der kann die Urkraft des Meeres, also Meerwasser, Meersalz, Algen und Naturschlick in Form einer Thalasso-Therapie nutzen. Denn gerade hier an der Nordseeküste mit der salzigen, frischen Brise versprechen die Naturprodukte inklusive ihrer natürlichen Wirkstoffe Gesundheit, Rehabilitation und Wohlbefinden. Auf Wangerooge, die östlichste der Ostfriesischen Inseln, sind Auto oder Wohnmobil nicht erlaubt. Dafür liegt der ganzjährige Campingplatz Neuharlingersiel unweit von der Fähre, so dass man je nach Tidenhub ganz gemütlich damit auf die Insel gelangt. Eine kurze Fahrt mit der Bahn bringt den Besucher direkt zum Wangerooger Insel-Bahnhof. Um einiges schneller geht es natürlich mit dem Inselflieger. Angekommen auf Wangerooge, ist der der 65 m hohe, knallrote Alte Leuchtturm und die ausrangierte Dampflok daneben nicht zu übersehen. „Diesen Turm ließ Nikolaus Peter, Großherzog von Oldenburg im Jahr 1855 erbauen“, schreibt Hans Jürgen Jürgens, der Inselchronist. Weiter die Wangerooger Hauptstraße entlang liegen nicht nur die wichtigsten Kneipen, sondern auch kleine Boutiquen und Restaurants. Im sogenannten Café Pudding, der besonders in der kalten Jahreszeit als willkommener Aussichtpunkt bis auf den letzten Platz besetzt ist, lockt ein leckeres Kuchenbuffet. Durch die riesengroßen Panoramafenster genießen die Gäste freie Sicht vom Strand bis zum Horizont. Manch einer bemerkt, dass weit und breit kein Strandkorb mehr steht. Denn jedes Jahr nach der Badesaison räumt Wilfried Kummer die 1350 Sonnenkörbe in eine Lagerhalle. Doch zuvor bekommen die gefütterten Sonnenkörbe mit den lustigen, bunten Streifen eine Rundumpflege. „Da gibt es schon mal verrostete Schrauben auszutauschen, Stoffbezüge zu flicken oder die kleinen Klapptische sind defekt“, so der Strandkorbdoktor.
Bei klarer Sicht zücken viele im Café Pudding die Ferngläser, um von erhabener Position aus die gewaltigen Containerschiffe, Öltanker und Frachter ins Visier zu nehmen. Gemächlich ziehen die Riesenpötte in Richtung Wilhelmshafen oder Hamburg und vermitteln das Gefühl von der weiten Welt.

So richtig was los ist am Strand definitiv an Sylvester. Wenn Insulaner und Gäste die Hüllen fallen lassen und sich gemeinsam nach einen Startschuss in die Fluten stürzen. Bei Groß und Klein gilt das sogenannte Abschwimmen als erste Mutprobe.
Bei fünf Grad Wassertemperatur kommt dabei niemand ins Schwitzen. Aber einmal eintauchen genügt auch, danach hilft ein warmer Bademantel beim Aufwärmen. Auch eine ausgedehnte Strandwanderung entlang der Küste und durch die Dünen bringt den Kreislauf in Schwung. Bei richtiger Orientierung erreicht man nach zwei Stunden das Inselgasthaus Jan Seedorf. Dort kann man dem Ostriesentee mit Kluntje (Zuckerkristall) und einem selbstgemachten Apfelpfannkuchen nicht widerstehen. In der gemütlichen, kleinen Gaststube von Ehepaar Plagenz serviert Karin zuerst stilvoll den Teepott auf Stövchen, bevor Heinos köstlicher Pfannkuchen, reichlich karamellisiert und mit dicker Puderzuckerschicht, heiß auf den Tisch kommt.

Nicht nur die Inseln bieten im Winter ein abwechslungsreiches Programm, auch am Festland wie zum Beispiel in Neuharlingersiel oder Carolinensiel locken typisch friesische Attraktionen. Urige Fischerhäfen aus dem 18. Jahrhundert bieten mit ihren bunten Kuttern und Kähnen ein malerisches Bild. Das Deutsche Sielhafenmuseum in Carolinensiel zeigt dazu die historischen Hintergründen zu den Sielhäfen und präsentiert auf einer Entdeckungstour für Jung und Alt, was es damals mit dem Leben auf Land und See so auf sich hatte.

Weitere Informationen unter https://www.tourismusverband–niedersachsen.de
für das Kurzentrum: https://www.norderney.de
für das Café Marienhöhe: https://www.marienhöhe-norderney.de
über Wangerooges Cafe : https://www.cafe-pudding.de
über das Deutsche Sielhafenmuseum: https://www.dshm.de

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